Seit Jahren nun prasseln neue Regulierungsvorschriften in einer Intensität auf Finanzdienstleister ein, dass es schon zu einer Denksportaufgabe wird, sich nur  die Abkürzungen zu merken. Bei MiFID wussten wir vielleicht sogar irgendwann mal, wofür die Abkürzung eigentlich steht. Aber wer hat bei VersVermV, InstitutsVergV, VermAnlG, WpHGMaAnzV, FinVermV, VermAnlG, AIFM und noch einigen mehr nicht längst aufgegeben?

Die Branche der geschlossenen Fonds trifft es aktuell mit dem VermAnlG und der daraus resultierenden Notwendigkeit einer KWG-Erlaubnis für Geschäfte im Zweitmarkt und der Umsetzung der AIFM-Richtlinie Mitte 2013 besonders hart. Und auch wenn bezüglich der KWG-Erlaubnis ein Erfolg für Dachfonds erzielt werden konnte, ist es doch eher eine sehr seltene Ausnahme, dass eine einmal erlassene Vorschrift wieder verschwindet. Im Gegenteil, es kommen immer mehr hinzu.

Die Regulierungsflut treibt bei vielen Betroffenen den Blutdruck in die Höhe. Warum das alles? Warum müssen alle ausbaden, was einige schwarze Schafe verbockt haben? Und warum ausgerechnet jetzt in dieser Marktphase? Ja, und stehen denn alle Finanzdienstleister unter dem Generalverdacht, aus Prinzip zu hohe Risiken einzugehen und am laufenden Band ihre Kunden übers Ohr zu hauen? Unverständnis, Wut und Ablehnung sind mehr als verständlich. Die Umsetzung der Regulierungsvorschriften kostet Zeit, Energie und Geld. Darüber zu schimpfen tut gut.

Nur gibt es – wie bei allen Themen, die uns ärgern, die wir aber leider nicht ändern können – einen Punkt, ab dem es mehr Zeit, Energie und Geld kostet, weiter darüber zu schimpfen, als die Themen einfach anzupacken. Nur ist das eben oft gar nicht einfach. Das Gebiet des Change Management liefert dazu ein anschauliches Bild, die vier Zimmer der Veränderung:

In der Regel sind es äußere Umstände – wie zum Beispiel eine Flut von Regulierungsvorschriften – die uns aus dem Zimmer der Zufriedenheit vertreiben. Dabei liegt es in unserer Natur, dass wir nicht gleich die Ärmel hochkrempeln und die Vorschriften umsetzen können. Die Veränderung ist zu groß und das Positive daran springt einem auch nicht sofort ins Auge. Wir stolpern ins Zimmer der Verleugnung, versuchen auszublenden und trotzig abzustreiten, was da Unangenehmes und Unabwendbares auf uns zukommt. Wird das Unabwendbare immer erdrückender, funktioniert das Verleugnen nicht mehr und wir gelangen in das Zimmer der Verwirrung. Hier sehen wir zwar rational ein, dass es keinen Weg zurück in die Zufriedenheit gibt, aber der Weg nach vorn ist unangenehm, unbekannt und so sind wir verwirrt und fühlen uns bedroht. An diesem Punkt ist es wichtig, zumindest ein vages Bild der Zukunft zu entwickeln und zu vermitteln, um nicht eine Ewigkeit in diesem Zimmer zu verbringen. Wenn wir dann endlich auch emotional akzeptiert haben, dass es nur nach vorn ins (vielleicht unangenehme) Unbekannte weiter gehen kann, können wir das Zimmer der Erneuerung betreten. Dort schrumpft die Bedrohung zu einer Herausforderung und wir werden wieder handlungsfähig. Und ja, auch im Zimmer der Zufriedenheit kommen wir dann irgendwann wieder an… bis zum nächsten Anlass, der uns dort hinaus katapultiert.

Dabei müssen wir akzeptieren, dass es keine Abkürzung vom Zimmer der Zufriedenheit in das Zimmer der Erneuerung gibt. Ich muss mich immer mit den Phasen von Verleugnung und Verwirrung auseinandersetzen. Bei mir selbst, bei meinen Kollegen, meinen Mitarbeitern, meinen Geschäftspartnern und vielleicht auch meinen Kunden. Aber es liegt sehr wohl in meiner Hand, wie lange mein Unternehmen und ich mich in den Zimmern von Verleugnung und Verwirrung aufhalten. Je später ich im Zimmer der Erneuerung ankomme, desto mehr Zeit, Energie und Geld kosten mich die Regulierungsvorschriften am Ende.

Nicht alle Regulierungsvorschriften sind aus Sicht von Kunden und anderen Marktteilnehmern völlig sinnlos und nicht alle sind standardisiert und stumpf umzusetzen. Es lohnt sich häufig, kreativ nach einer pragmatischen und für mein Unternehmen passenden und damit günstigen Lösung zur Umsetzung einer Pflicht zu suchen. So lange ich aber noch nicht im Zimmer der Erneuerung angekommen bin, stehe ich mir dabei selber gewaltig im Weg.

Also? Schimpfen Sie aus vollem Herzen über die Regulierungsvorschriften und schauen Sie doch gleichzeitig auch, dass Sie mit Ihrem Unternehmen die Zimmer von Verleugnung und Verwirrung möglichst zügig durchschreiten. Und wer weiß … vielleicht finden Sie an der einen oder anderen Regulierungsvorschrift ja sogar irgendwann mal etwas Positives … Sie können es dann ja als Geheimnis für sich behalten.

Als Regulierungs-Umsetzungs-Beraterin unterstützt Frau Dr. Andrea Fechner Unternehmen der Finanzdienstleistungsbranche insbesondere bei der individuellen und pragmatischen Umsetzung von Regulierungsvorschriften. Die vier Zimmer der Veränderung bezogen auf neue Regulierungsvorschriften hat sie als selber schon häufiger durchschritten in ihren Rolle als Führungskraft in Finanzdienstleistungsinstituten und Banken.