Der Unmut über die Finanzmarktregulierung wird immer größer. Und das nicht ganz zu Unrecht, denn mit der Regulierung ist ein hoher bürokratischer Aufwand verbunden, der gerade für kleinere Unternehmen zu einem ernsthaften Problem werden kann. Und es ist auch nicht so ganz offensichtlich, wem all der Aufwand tatsächlich nutzt.

Also, wozu das alles? Was soll die Finanzmarktregulierung eigentlich bewirken? Und tut sie das auch? Oder provokativ gefragt: „Ist die Finanzmarktregulierung zu retten?“
Der Kern der Finanzmarktregulierung ließe sich vermutlich in drei Sätzen zusammenfassen:

  • Du sollst jederzeit die Risiken Deiner Geschäfte beherrschen, damit Du nicht durch eine Insolvenz die Interessen Deiner Kunden oder die Stabilität des Marktes gefährdest.
  • Du sollst die Integrität des Marktes fördern und niemals verletzen.
  • Du sollst grundsätzlich und immer im Interesse Deiner Kunden handeln.

Ein bisschen klingt das zwar wie eine Erweiterung der zehn Gebote, aber es veranschaulicht, worum es bei der Finanzmarktregulierung eigentlich geht – nämlich um Werte.  Dass die obigen drei Sätze für einige Marktteilnehmer zumindest zum Teil „neu“ sind, haben diverse Skandale hinlänglich gezeigt. Das soll sich nun ändern, dafür soll die Verschärfung der Finanzmarktregulierung sorgen. Sie soll die tägliche Arbeit in der Finanzbranche an „neuen“ Werten ausrichten.

Wie aber verankert man „neue“ Werte?

Gesetzgeber und BaFin haben den Weg eingeschlagen detailliert vorzugeben, was man alles tun und lassen muss, um sich gemäß der „neuen“ Werte zu verhalten. Und mit jedem weiteren Schlupfloch, das jemand nutzt und mit jedem weiteren Fehlverhalten wird der Katalog der Verhaltenspflichten länger, weil Gesetzgeber und BaFin „nachregeln“.

Dabei geschieht leider etwas, was die Veränderung von Werten in der Branche genau behindert. Erstens fühlen sich diejenigen vor den Kopf gestoßen, die ihr Geschäft seit jeher an den obigen drei Sätzen ausrichten. Damit verliert die Regulierung die Unterstützung derjenigen Menschen, die eigentlich den Anker der „neuen“ Werte in der Branche bilden. Zweitens sind die regulatorischen Vorschriften zum Teil so detailliert, dass man den Eindruck gewinnen kann, man könnte das eigene Denken auch getrost bleiben lassen, so lange man nur penibel die Vorschriften umsetzt. Durch das reine Befolgen von Regeln – ohne kritische Reflektion – lassen sich aber Werte kaum verändern.

Coaches und Change Manager wissen, dass man Veränderung von Werten vor allem durch einen intensiven, kritischen und langfristigen Dialog über eben diese Werte erreicht. Nur, wie soll das praktisch gehen … in einer gesamten Branche … über mehrere Länder hinweg?

Bei aller berechtigten Kritik an der Finanzmarktregulierung dürfen wir eines nicht vergessen: Ob die Finanzmarktregulierung zu retten ist und ob sie eine nachhaltige Veränderung von Werten bewirkt, hängt vor allem von uns ab. Setzen wir uns bei jeder Gelegenheit dafür ein, einen konstruktiven und kritischen Dialog über diese Werte zu führen? Mit Mitarbeitern, Kollegen, Beratern, Prüfern, der BaFin? Und schaffen wir es, für die regulatorischen Anforderungen pragmatische Lösungen zu finden, die vor allem deren Zweck erfüllen?

Dann – und nur dann – kann die Finanzmarktregulierung irgendwann ihr Ziel erreichen. Und nur dann hört das Schwungrad immer neuer regulatorischer Anforderungen irgendwann auf sich zu drehen.